Ilona Waltemate im Kreuzverhör

Heute steht uns erstmals eine Frau Rede und Antwort. Sie ist Mitbegründerin der Damenfußballabteilung und hat somit den Grundstein der weiblichen Erfolgsgeschichte am Hessenberg gelegt. Maulwurf sprach mit ihr am Freitag, 18. Juni 2021. „Was macht eigentlich Ilona Waltemate?“

Steckbrief

Name: Ilona Waltemate (geb. Neumann)
Spitzname: Loni
Alter: 56 Jahre
Mitglied seit: 1975 (zuerst Turnen in der Damensportabetilung)
Spielposition: Libera
Werdegang: Spieler: 1989 - 1999
Trainerin: ca. 10 Jahre Jugendtrainerin (1997 - 2007)
Vorstand: für kurze Zeit Schriftführerein im ProSCB
1. Ilona, 1974 wurde die Damensportabteilung des SC Borchen gegründet. Selbst der Pastor rührte von der Kanzel aus die Werbetrommel – Frauen und Sport, war das damals wirklich noch so außergewöhnlich?
So alt bin ich nun auch wieder nicht. In dem Jahr war ich gerade Neun. Meine Mutter ging damals zum Turnen, was über die KFD organisiert wurde und mehr Berührungspunkte hatte man da als Kind erstmal nicht. Als ‚Turnmädel‘, unter dem Trainer der Leichtathletik-Abteilung, Martin Zernke, startete ich dann etwas später beim SCB. Doch die Anfangszeit war nicht gerade einfach, denn gerade aus Richtung des LC Paderborn wehte uns damals viel Hohn entgegen – man nannte uns die ‚Leichtathletik-Landeier‘, was uns aber umso mehr angespornt hat.
2. Der Fokus des Damensports lag damals auf Turnen, Leichtathletik und Völkerball. Was war ausschlaggebend den Weg in Richtung Fußball zu gehen?
Ich war früher häufig mit Susi Jagiella bei den Spielen, um unseren Freunden zuzuschauen. Bei einem Turnier standen wir beide an der Bierbude und haben uns gedacht, dass wir das auch können und so konnten wir doch mit unseren Männern noch eine Gemeinsamkeit teilen - aus unserer Sicht eine Win-Win-Situation. Entstanden ist der Damenfußball quasi aus einer Bierlaune heraus, ohne groß zu wissen, was da eventuell alles auf uns zukommt.
3. Du sagtest es bereits: Susi & Du habt Ende der 80er den Anstoß zur Gründung einer Damen-Fußballabteilung gegeben. Ich kann mir vorstellen, dass Ihr damit nicht nur offene Türen eingerannt habt. Wie war das Standing im Dorf zu euren Plänen?
Es herrschte zu der Zeit noch die strikte Rollenverteilung, zumindest bei vielen im Kopf. Auch unser Seniorenvorstand brachte dies, mit einigen Aussagen, mehr als deutlich zum Ausdruck. Die offizielle Meinung war aber stets, dass dieses Unterfangen den Verein zu viel Geld kosten wird. Dabei wurde unser erster Trikotsatz von der Firma Bunse und unser erster Trainingsanzug von Klempnerei Amedieck finanziert. Da musste der SC Borchen keinen einzigen Pfennig dazu tun.
4. Nach der Aufnahme des Spielbetriebs dauerte es nur zehn Jahre bis man von der Kreisklasse am 18.05.1999 in die Bezirksliga aufstieg. Von den ‚Leichtathletik-Landeiern‘ wie Du in Deiner Hessenberggeschichte geschrieben hast zu ‚Fußball-Heldinnen‘: Hättet ihr damals mit einem so rapiden Erfolg gerechnet?
Über die Zeit habe ich mir damals gar keine Gedanken gemacht. Zehn Jahre waren da aber schon lang, zumal es ja nicht allzu viele Mannschaften gab. Zu Beginn mussten die meisten von uns aber erstmal lernen, den Ball auch geradeaus zu schießen, da war nicht viel mit Spielkultur. Wir haben zu Beginn, mit unserem Trainer Manni Melcher, ein ganzes Jahr nur trainiert und bei den Freundschaftsspielen richtig Haue bekommen. Als uns später im Ligabetrieb Willi Buschmeyer und Uwe Gockel trainierten, konnten wir gegen Suttrop unseren ersten Sieg feiern. Nach dem 4:0 wurde bei Hausmann die Nacht zum Tag gemacht. Leider meldete der Gegner sich etwas später vom Spielgeschehen ab und uns wurden die Punkte wieder genommen – irgendwie eine komische Fügung.
5. 72 Punkte aus 24 Spielen bedeuteten ein Novum in der 4. Staffel der Kreisliga, nämlich ungeschlagen aufgestiegen zu sein. Bäcker Fahney sponserte sogar den Fanbus zum Spiel nach Thülen, wo Euch ein Remis gereicht hätte, Ihr aber mit 5:1 nochmal ein Ausrufezeichen gesetzt habt. Wolltet Ihr da auch nochmal der breiten Masse zeigen, dass Ihr es drauf habt?
Im Vorjahr sind wir ja auch schon Vizemeister gewesen und mussten nur dem TuS Belecke den Vortritt lassen. Somit zählten wir in dieser Saison natürlich zu den Favoriten, zumal wir mit Iris Hennecke eine Neuverpflichtung in petto hatten, die bereits fünf Mal Deutscher Meister mit den Sportfreunden Siegen geworden war. Aber unsere Truppe passte auch so einfach perfekt im Ganzen: Julia Kerkhoff zum Beispiel hatte allein am 26. Spieltag schon 48 Tore geschossen und zur Halbserie hatten wir ein Torverhältnis von 108:6; das lässt sich schon ganz gut ansehen. Ab dem 7. Spieltag waren wir dann alleiniger Tabellenführer und haben uns von unseren ärgsten Verfolgern aus Thülen, Antfeld, Siddinghausen und Pömbsen immer mehr abgesetzt. Trotzdessen, dass wir das Hinspiel gegen Thülen vor, für uns unfassbaren, 100 Zuschauern mit 4:0 gewonnen hatten, waren wir alle ganz schön nervös, das kann ich Dir sagen - und es fiel ja auch erst das 0:1 gegen uns. Thülen war damals ein ganz schön aggressiver Gegner. Meine Gegenspielerin, die übrigens auch Ilona hieß, hat in einer Tour gekniffen, wenn der Schiri es nicht sah – ich habe sie daraufhin einfach mal umgesenst. Doch als der Ausgleich gefallen war lief es fast wie von selbst und so konnten auch unsere zahlreichen Fans ein großes Banner ausrollen, was sie gern schon viel früher getan hätten. Die größere Leistung gab es vielleicht aber am Spieltag danach, als wir im Heimspiel gegen Pömbsen schon zur Pause mit 0:3 hinten lagen und am Ende mit 4:3 als Sieger vom Platz gingen. Und was auch nicht vergessen werden sollte, auch wenn ich nicht aktiv dabei war, dass unsere Mädels, in der Winterpause, erstmals Kreishallenmeister wurden und die höherklassigen Teams aus Hövelriege und Benhausen hinter sich ließen – das hat uns für die Rückrunde sicherlich auch nochmal gepusht.

6. Und jetzt die alles entscheidende Frage: Was ging bei der Aufstiegsfeier ab? Hast Du da noch eine nette Anekdote für uns?
Du wirst lachen, aber ich war damals nicht dabei. Ich hatte zwei kleine Kinder und da hieß es nach dem Spiel duschen und ab nach Hause. Dass ich als Mutter überhaupt noch die Schuhe geschnürt habe war im Dorf und insbesondere bei meiner eigenen Mutter schon sehr verpönt. Soweit ich mich erinnere war an dem Tag aber Vogelschießen in Kirchborchen und die Mannschaft ist wohl noch mit den Schützen durch den Ort gezogen.
7. Das Motto um neue Spielerinnen anzuwerben lautete: ‚Wag den Schritt mach mit!‘ und es fand Anklang. Seit der Saison 2000/01 gibt es die zweite Damenmannschaft und in selbiger Spielzeit gelang der Aufstieg der Ersten in die Landesliga, später sogar noch in die Verbandsliga. Bis auf wenige Ausnahmen ist der Damenfußball sportlich gesehen zu einer Erfolgsgeschichte in Borchen geworden. Wie stolz ist man da heute, als Gründerfrau, noch drauf?
Schön, dass Frauen in Borchen erfolgreich sind, aber es gibt immer noch genug dumme Sprüche (Trikot-Tausch etc.) drum herum. Auf der anderen Seite war mir persönlich eine Zeit lang der Hype um den Frauenfußball zu groß geworden und ich hatte das Gefühl, dass die Jugend etwas vernachlässigt wurde. Das hat sich inzwischen aber eingependelt und aktuell scheint für mich alles in Ordnung.
8. Mit dem Interesse des Familiennachwuchses am runden Leder wurdest Du sogar Trainerin im Jugendbereich und man sieht dich heute immer noch auf dem Hessenberg, wenn der Sohnemann kickt. Deine Nichte Larissa Neumann setzte bei den Frauen auch eine große Duftnote. Bist Du bei den Damen auch noch regelmäßig am Start oder sind die Verbindungen da nicht mehr so intensiv?
Die Verbindung zum Frauenfußball ist ehrlich gesagt eingeschlafen. Ich erinnere mich noch, dass ich Anfang der 2000er noch einmal aushelfen sollte und alle sahen mich mit großen Augen an – es kannte mich nicht eine einzige Spielerin. Da war der Generationenbruch zu groß, als das ich da hätte Anschluss finden können. Zudem habe ich zwei Söhne und war dann natürlich auch bei deren Spielen. Susi Jagiella hingegen hat da, wohl auch durch ihre zwei Töchter, die Verbindung halten können und sie verkörpert heute noch aktiv am Spielfeldrand unsere Idee von damals.
9. Trotz aller Titel und Glanzzeiten, das Zuschauerinteresse bei uns in Borchen ist immer noch nicht dem Erfolg entsprechend. Siehst Du Möglichkeiten, wie der Damenfußball mehr Männer auf den Sportplatz locken könnte?
Das sehe ich eher als schwierig an. Wie bereits zu Beginn erwähnt hat der Damenfußball nicht den Stellenwert, wie ihn die Männer genießen. Trotzdessen, das heute alle Spielerinnen wesentlich durchtrainierter sind, als wir es damals waren wirkt der Herrenfußball immer noch athletischer. Die weiten Auswärtsfahrten und der geringe Anteil an Borchener Frauen, wobei ich fairer Weise sagen muss, das viele Spielerinnen schon seit Jahren für unseren SCB kicken, wird das Übrige dazu tun. Es fehlt halt letztlich die ‚dörfliche‘ Bindung, ähnlich wie bei der 1. Herrenmannschaft. Wir hatten aber damals in unserer Aufstiegssaison schon einen wichtigen Satz, der vielleicht auch heute noch passend ist: „Lieber wenige Fans, als viele dumme Sprüche!“
10. Zum Abschluss lass uns nochmal kurz zurück an die Anfänge der 80er Jahre springen. Ich habe gelesen, dass deine ersten Berührungspunkte mit den Fußballern daher rühren, dass du bei A-Jugendturnieren zugeschaut hast und die Jugendmannschaften aus Bremen und Tilburg (Holland) euch Mädels den Kopf verdreht haben. Warst Du da auch betroffen, oder gab es damals schon nur den einen für dich?
Ilona fängt an zu lachen: Oh ja, die Holländer – das waren fast alle so kleine Popper mit ihren Chinohosen und den damals üblichen Frisuren. Bei uns zu Hause haben sogar zwei der Jungs übernachtet und ich hatte nur Augen für Leon de Brune, der mich wahrscheinlich gar nicht wahrgenommen hat. Bei uns zuhause herrschte eh ein striktes Regiment, was das Treffen mit dem anderen Geschlecht anging. Wilfried Reiher musste zum Beispiel damals meinen Vater überzeugen, dass ich mit nach Paulsen in den Gemeindekrug durfte – von wegen Frauen vor der Theke und so. Aus dem Schwarm für den Niederländer ist daher nichts geworden, aber mit Christian habe ich ja auch eine ganz gute Wahl getroffen.


Ein gutes Schlusswort, wie ich finde und damit ist unsere kleine Fragerunde auch schon vorbei. Vielen Dank Ilona, dass wir nun auch mal aus Frauensicht Einblicke auf unseren Sport bekommen konnten. Du bist ein passendes Beispiel, dafür, dass man Dinge einfach mal angehen muss um etwas zu verändern und mit dem großen Schritt Ende der 80er Jahre ist beim SC Borchen richtig was ins Rollen gekommen. Vielen Dank für dieses Engagement!

10 Fragen im Kreuzverhör – Maulwurf deckt auf

In dieser Kategorie geht es um den Kreis der Ehemaligen; ganz nach dem Motto: „Was macht eigentlich…?“ Vereinsgrößen, ob Vorstand oder Spieler, die bis heute ihre Spuren beim SC Borchen hinterlassen haben und fast immer noch präsent sind; eben Mitglieder & Ehrenamtler der ganz besonderen Art. Aber auch um Menschen, die vor der Fusion der Sportfreunde Nordborchen & der DKJ Kirchborchen einiges mit ihren Mannschaften erlebt haben und ihre Zeit auf eine gewisse Art prägten. Wir wollen mal etwas hinter die Kulissen gucken und Einblicke gewähren, die vielleicht sonst nicht zum Vorscheinen kommen.

Zehn Fragen, zehn Antworten und das ohne große Vorbereitung – denn das was spontan auf den Tisch kommt ist oftmals viel beeindruckender als große Reden zu schwingen.
Cookie Richtlinie
Wir nutzen Cookies, um eine Vielzahl von Services anzubieten und diese stetig zu verbessern. Entsprechende Informationen finden Sie unter Datenschutz. Mit der Nutzung der Webseite erklären Sie sich mit der Verwendung von Cookies einverstanden.
OK